Tall Ship hautnah erleben

Frühlingsstamm der RGV vom 21. Februar 2020

Norwegisches Schulschiff "Christian Radich", 1937

Norwegisches Schulschiff "Christian Radich", 1937, Lüa 72 m, 27 Segel, 1'234 m2. Foto: Stiftung Christian Radich, Oslo.

Segel packen auf der "Stad Amsterdam"In schwindelerregender luftiger Höhe auf dem wackeligen Fusspferd stehend ein Rahsegel packen, oder doch lieber auf dem sicheren Deck stehen und am riesigen Steuerrad drehen? Alles ist möglich auf einem der traditionellen Grosssegler aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts.

Mehrere dieser alt-ehrwürdigen Windjammer befahren noch heute die Weltmeere. Auf einigen Schulschiffen werden auch heute noch Marine-Kadetten ausgebildet, die dann später in der Handels- oder Kriegsmarine Karriere machen werden. Andere fahren als Kreuzfahrtschiffe "nur" zum Spass, weil's halt so schön ist. Und immer werden gerne auch zahlende Gäste, sogenannte Trainees, mitgenommen. Diese werden in das traditionelle nautische Handwerk eingeführt und sollen bzw. müssen (oder dürfen?) sich in der Regel auch an der Seemannschaft beteiligen. Da kommen auf einem Dreimast-Vollschiff schon mal 100 Personen oder mehr zusammen. Trotzdem gibt das kein Gewusel auf dem Schiff, denn die ganze Mann- und Frauschaft wird in drei Wachen eingeteilt. Da bleiben dann pro Mast gerade noch etwa 10 Personen. Und die haben bei Segelmanövern alle Hände voll zu tun, gilt es doch, alle fünf Segel des voll getakelten Mastes gleichzeitig zu bedienen!

Aber nicht nur die Arbeit an den Segeln beschäftigt die Trainees: Ruder gehen, auf dem Vorschiff Ausguck halten, mit dem Sextanten Sterne schiessen oder auch die Brandwache runden das Spektrum ab. In letzterer Charge lernt man das Schiff vom Bug zum Heck und hinunter bis zum Kielschwein kennen: stündlich ist eine Ronde durch jeden, auch den hinterletzten Raum des Schiffes zu absolvieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Segel packen auf der "Stad Amsterdam". Das schwarze Etwas rechts im Bild ist die Mütze von Martin Zwahlen 😊.

 

 

 

Backbordlicht der "Stad Amsterdam", Nordatlantik 2014

Backbordlicht der "Stad Amsterdam".

Auf allen Windjammern fährt eine Stammcrew. Je nach Schiffsgrösse sind das natürlich der Kapitän, der Smutje und der Maschinist, sowie weitere nautische Offiziere und Matrosen.

Demo Arbeit mit Tau

Die Trainees werden auch in Arbeiten mit Tauwerk eingeführt.

Deutsches Schulschiff "Alexander von Humboldt", durch ein Bullauge der "Christian Radich", Tall Ship Race 2009

Nach den eher bauchigen Galeonen des Mittelalters wurden im 19. Jahrhundert auf hohe Geschwindigkeit ausgelegte Frachtsegler entwickelt, die sogenannten Clipper. Sie transportierten Passagiere und Fracht. Vielleicht bekanntester Vertreter dieser Generation war der Teeclipper "Cutty Sark", der, wie der Name vermuten lässt, u.a. Tee von Indien nach Europa oder Amerika brachte. Für unverderbliche Güter war Geschwindigkeit nicht zentral, sondern grosser Frachtraum. Das waren dann die Grosssegler oder eben Tall Ships des 19. und 20. Jahrhunderts, die auch auf die Bezeichnung Windjammer hören. Diese Bezeichnung kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie "Wind stauen" – was wir mit unseren Bermuda-Riggs eigentlich nur noch mit dem Spinaker machen.

Eine Gruppe von Enthusiasten unter dem Namen "Tall Ship Friends" unterstützt verschiedene Windjammer und bietet ein reichhaltiges Törnprogramm an.

Nachdem viele Fragen der 20 anwesenden RGV-ler von den Referenten beantwortet sind, lassen wir den Abend bei einem chinesischen Nudelgericht aus Rolf Zingg's Wok und mit weiteren angeregten Gesprächen ausklingen.

Wir danken Martin Zwahlen, Präsident der "Tall Ship Friends Schweiz", und Beat Schenk für die interessanten Ausführungen und eindrücklichen Bilder von den Tall Ships, und Rolf für das köstliche Nudelgericht.

 

Walter Gruber

Fotos: Claude Cornen und Beat Schenk, TFS

Schulschiff "Alexander von Humbolt", gesehen durch das Bullauge der "Christian Radich" während eines Tall Ship Race.

 

PS: Im Crusing 2/2020 ist eine Reportage von Tania Lienhard über die "Tall Ship Friends Schweiz" erschienen.

 

 

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